What‘s left of liberalism?
Freunde der Freiheit, seid mal ehrlich: es gibt in Deutschland kein gesundes und dynamisches liberales Freiheitsdenken mehr. Da ist keine Denkbewegung für die Freiheit mehr, welche die Glieder liberaler Arbeit orientieren und organisieren könnte. Dem liberalen Denken ist jeglicher Trieb zur freiheitlichen “Gestaltung menschlicher Gemeinschaft” abhanden gekommen – Friedrich Naumann hatte diesen Trieb noch “das Innerlichste an der Politik” genannt. Heute ist die liberale Reflektion zur Theorie erstarrt, der Liberalismus als lebenspraktische Philosophie ist tot.
Das kleinste Indiz für unsere denkerische Armut ist, dass der Begriff “liberaler Intellektueller” mangels Subjekt außer Gebrauch gekommen ist. Und so will sich auch niemand mehr schimpfen lassen – außer vielleicht Prof. Dr. Margarita Mathiopoulos, was mindestens soviel aussagt wie die Tatsache, dass der Lieblingsritter der FDP-Spitze in feuilletonistischen Debatten der konservative Historiker Arnulf Baring ist, ein ständig umschmeichelter Gast bei liberalen Podiumsveranstaltungen, bei denen es um den verlorenen Anschluß zur gefühlten Mitte geht.
Aber braucht liberale Politik überhaupt theoretische und philosophische Reflektion? Muss die FDP nicht einfach nur bessere PR für ihre parlamentarische Kärrnerarbeit machen? - Ja, das auch. Aber im besten Sinne des Wortes „selbstverständlich“ braucht praktisches liberales Denken Tiefgang. Politische Theorie und Philosophie muß immer der Resonanzraum für praktische Fragen sein. Sie bestimmen ja jene Bedeutungen und Begründungen und diese Perspektiven und Programmatik, die in konkreten politischen Fragen Orientierung geben können. Erst dann ist möglich, über die Sachzwänge des Tagesgeschäftes hinaus eine gesamtheitliche liberale, eine gesellschaftspolitische Antwort zu suchen und ein Projekt zu formulieren, das jenseits von Gesetzesvorhaben kulturellen Tiefgang hat.
Real existierendes Freiheitsdenken
Eine grundsätzliche Reflektion strebte vor drei Jahren auch die FDP-Bundestagsfraktion in Auseinandersetzung mit professionellen, oder besser: professoralen Denkern an. Ihr Liberalismuskongreß „Freiheit Fairneß Chancen“ im November 2004 geriet zur Offenbarung liberaler Ahnungslosigkeit. Statt aus den vollen Fleischtöpfen einer selbstbewußten liberalen Tradition zu schöpfen, bekannte sie sich zu deren Abwesenheit und zum eigenen Hunger nach liberaler Sinnstiftung. Nichts weniger sollte erörtert werden als die existentielle Frage: wozu eigentlich noch Liberalismus, expressis verbis: was ist die „raison d‘etre“ des Liberalismus? Einer der Anstifter des Kongresses wünschte sich, es möge eine große intellektuelle Debatte im Ausmaß des Historikerstreites oder der legendären FAZ-Serie „What‘s left?“ angestoßen werden.
Freunde der Freiheit, was heißt heute noch liberal? Man weiß es nicht!
Pikanterweise, nein: tragischerweise handelt es sich bei diesem Anstifter um den Vorsitzenden der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft, den durch allwahlabendliche Expertise auffällig gewordenen Professor Jürgen Falter - „der von immer“ (FAZ). Aber statt Falters Anwesenheit zu beklatschen, hätte der gesamte Kongreß aufstöhnen müssen. Denn Falter ist nun gerade der Archetypus des Totengräbers politischen Denkens. Seine erste Professur erhielt dieser Mann für „Methodologie der Sozialwissenschaften und für Politische Soziologie“ - das ist der quintessentielle Lehrstuhl für jene Empiriker, die Politik als bloße „Statistik von Machtlagen“ begreifen, wie Wilhelm Hennis das einmal ausdrückte. Falters Dissertationsthema, zur Illustration, hieß: „Faktoren der Wahlentscheidung. Eine wahlsoziologische Analyse am Beispiel der saarländischen Landtagswahl 1970“, erschienen 1973. Diese Art von empirisch-analytischer ex-post Stimmenzählerei steht im diametralen Gegensatz zu jenem normativ fundierten Vordenken praktischer politischer Philosophie, dass in der Zusammenschau einen gesamtheitlichen Wurf einer besseren Zukunft zu formulieren vermag.
Dass es nun dieser Professor Falter ist, der einen normativen liberalen Dialog anstoßen will - das hat die Chuzpe, die Ironie, Komik, Tragik oder Dramatik des hypothetischen Falles, dass der Chefredakteur der Bild-Zeitung seine Leser auffordert, etwas gegen den Niedergang des Feuilletons zu tun. Die panische Angst der Bild-Zeitung vor zuviel Text und zuwenig Rot gleicht der Angst jener empirisch-analytischen Theoriebildung vor normativen Fragestellungen. Falter & Freunde haben auf diese Weise die gesamte Politikwissenschaft in den Ruin politischer Reflektion getrieben. Sie sind, was liberales Freiheitsdenken angeht, etwa in soweit Experten, wie ein Linguist als Germanist auch Literaturkritiker sein will. Die Profession der Falters dieser Republik ist es sozusagen, die Jamben in Schiller’schen Freiheitsdramen zu zählen – nicht, sie zu interpretieren. (Übrigens leidet an dieser Phantasielosigkeit des politischen Denkens nicht allein die Wissenschaft oder FDP, sondern ganz Deutschland. Sie ist der Grund, warum unsere politischen Eliten Deutschland seit Jahrzehnten nur noch als „Standort“ zu begreifen vermögen).
Freunde der Freiheit, begreift Ihr die gesamte geistige Armut liberalen Denkens, wenn ein Professor Falter den Anstoß für zeitgemäße Neu-Interpretationen geben muss? Wie ein Kaiser ohne Kleid wußte der wortreiche Falter mehr mit Anekdoten über Autobahnrasereien mit Rainer Brüderle zu glänzen als mit seinen Thesen zur liberalen Bürgergesellschaft. Denn die flatterten schlicht hinter den Diskussionsstand der Zeit der Wiesbadener Grundsätze von 1997 zurück. Begreift man diesen Offenbarungseid? Um liberale Theorie und Philosophie steht es dramatisch schlecht!
Vom Denken zur Theorie
Der zweite große Vortragende war immerhin der grandiose Professor Maihofer. Aber die Tatsache, dass die Partei von seinem Kaliber nur noch einen Mann im neunten Lebensjahrzehnt aufbieten kann, macht die Fallhöhe zwischen dem einen und dem anderen nur umso deutlicher. Und auch die Reaktion auf Maihofer ist bezeichnend: sein Vortrag, zeitlos sowohl im Thema als zugegebenermaßen auch in der Terminierung, stieß leider nur auf respektlose Gähnerei und Gerede im Publikum. Dabei vermag ein Maihofer eben jene grundlegenden Fragen zu durchdringen, an denen ein Falter intellektuell scheitert: Was ist Freiheit? Was ist Politik? Und was heißt: Politik für die Freiheit? Über die Falters hinaus sind die Antworten heutiger Liberaler darauf gestanzte Leerformeln, rezitiert in den Phrasen eines Wahlkampfes oder den Worten toter Männer.
Progressives, optimistisches, kreatives, unternehmerisches liberales Denken aber – über die Zeit, in der wir leben; über die Menschen, die wir sind; und über die Freiheit, die wir meinen: das ist zur Theorie erstarrt, erschlafft, versackt. In drei Leichengewändern schleppt sich liberale Theorie, ach: noch nicht einmal quer über den Uni-Campus, sondern hoch in den Elfenbeinturm hinein – als (1) Rechenspiel von rational choice, als (2) Verfassungsdiskussion der Vertragstheoretiker und als (3) Archivausflug der Ideengeschichtler. Und das ist ja nur jener kleine Teil politischer Theorie, der sich überhaupt noch mit normativen Fragen abgibt – Falter & Freunde dominieren.
Man höre bitte diese Art von Theorie mal ächzen, auch wenn es die nächsten zwei Absätze lang mühsam wird; der Anblick von Krankheit und Leid ist niemals schön. Und wer sich fragt, was dieses Fachchinesisch mit freiheitlichem Denken zu tun hat, fragt schon richtig. Und soll ein bißchen Geduld mit in die nächsten Zeilen nehmen.
Also: Rechenspiel und Vertragspalaver trennt der Philosoph Wolfgang Kersting in zwei unterschiedliche Theoriekonzeptionen auf. Unter einer Theoriekonzeption versteht er das “durch den prägenden Rationalitätstyp dirigierte Zusammenspiel normativer, erkenntnistheoretischer und methodologischer Voraussetzungen, die den Rahmen der Argumentationsführung, die Perspektiven der Problemwahrnehmung und das Begründungsprogramm der Theorie” bestimmen, also kurz: wie sich einige typische Grundannahmen in ihrer Varianz ausspielen. Kersting unterscheidet (1) eine individualistische und (2) eine universalistische Rationalität. Bei der ersten geht es um einen generalisierten Egoismus, bei der zweiten um die Etablierung eines Unparteilichkeitsstandpunktes. Dementsprechend zwei Theoriefamilien: (1) die analytische Theoriekonzeption, bei der sich rational choice-Methodologien in spiel- und entscheidungstheoretischen Szenarien austoben, und (2) die konstruktivistische Theoriekonzeption, die in der Diskussion vertragstheoretischer Fragen um die “Explikation der moralisch-rechtlichen Grammatik unseres politischen Selbstverständnisses und der problembezogenen Ausarbeitung ihrer normativen Grundorientierungen” bemüht.
Eine ironiefreie Anmerkung: im Vokabular der politischen Theorie ist das wunderschön und prägnant formuliert. Und mit dem Liberalismus hat das auch etwas zu tun, nämlich folgendes: (1) die analytische Theoriekonzeption “wird von den Liberalismustheorien bevorzugt, die die individuelle Freiheit als Leitwert betrachten, in dem Prozeß marktförmiger Vergesellschaftung ein allgemeinverbindliches ordnungspolitisches Muster erblicken und in Theorie und Praxis eine sozialstaatspolemische Position beziehen”. Die (2) konstruktivistische Theoriekonzeption “liegt vornehmlich den Theorien des egalitären Liberalismus zugrunde”, oder, wie diejenigen gerne sagen, die ihren Liberalismus mit analytischen Theoriekonzpetionen erklären: dem “Sozialdemokratismus à la John Rawls”.
Ja: solche Kategorien ernähren liberales Philosophieren heute auf die gleiche Weise wie einst Pökelfleisch und Schiffszwieback die Matrosen auf See. Das ist versalzene, trockene Geistesarbeit, die es im ersten Fall auch mal auf die Wirtschaftsseiten und zum Nobelpreis schafft, im zweiten Fall ab und zu ins Feuilleton. Es taugt zum akademischen Glasperlenspiel.
Aber für eine politische Bewegung wie den Liberalismus führt es unweigerlich zum geistig-moralischen Muskelschwund. Wo solche akademischen liberalen Theorien hindenken, da wächst kein Gras mehr – geschweige denn ein bunter Garten lebendiger Ideen. Sie sind zu abstrakt, um als praktisches politisches Denken herzuhalten, oder, wie Kersting das für Genießer trefflich formuliert: Das diesen Ansätzen gemeinsame Problem sei, dass “beide Begründungskonzeptionen sich auf radikale Dekontextualisierungsverfahren stützen, Bestands- und Kontinuitätssicherung hingegen situative Klugheit, kontextsensible Vernunft und einen konkreten politischen Sinn verlangt”.
Will heißen: Das, was im politischen Raum entscheidende Kategorien sind, haben diese Theorien “outgesourct”: einen wirklichkeitstauglichen Vernunftbegriff, Emotionen, Tugenden, Identitäten, Leidenschaft, Fleisch und Blut, Macht und Führung, moralisches Empfinden und Religion. Oder in einem Satz für Theoretiker: eine vielfältige, von Konflikten und gegenseitigen Abhängigkeiten geprägte Gesellschaft gebraucht ein Vokabular der Selbstverständigung, an dem liberale Theorie so nicht teilhat.
Und die Ideengeschichte? Sie ächzt nicht in der Fachterminologie, sondern sie staubt, weil sie sich zu oft auf Geschichte und zuwenig auf Ideen konzentriert. Isaiah Berlin war eine rühmliche Ausnahme, weil es ihm gelang, den Fundus liberaler Ideengeschichte auf den Fokus der Fragen seiner Zeit anzuwenden – da zeigte sich ein liberales Gewissen in der Reflektion, da präsentierte sich der Liberalismus als praktische Philosophie, das reichte an originelles, wenngleich selten dynamisches Freiheitsdenken heran. Und auch Wolfgang Kersting hat in der Oktober-Ausgabe des Cicero 2004 demonstriert, dass der Fokus der Wirklichkeit und der Fundus liberaler Ideen in fruchtbarer Freundschaft zueinander finden können.
Aber diese Ausnahmen bestätigen die Regel: Dem real existierenden liberalen Denken geht jegliche historisch-politische Phantasie ab. Wir haben den Kontakt mit den Fragen unserer Zeit verloren - außer der Marktwirtschaft gibt es kein funktionierendes Projekt, keine Kampagne für eine bessere Zukunft mehr. Verloren gegangen ist alles leidenschaftliche Denken, das die Kraft hätte, sich der Veränderungen in der Welt zu bemächtigen, vorbei ist es mit der sichtbaren Freude an fortgesetzter Emanzipation, an der Befreiung des Menschen aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit. Liberales Denken ist vertrocknet, seine dürren Früchte taugen nichts – und das, was an Dörrobst aus vergangenen Jahrhunderten noch übrig ist, wird den liberalen Garten der Ideen auch nicht mehr zum Blühen bringen. What‘s left of liberalism?