Der Cicero war auch schon mal schlechter als die letzten Monate. Er hatte einen fürchterlichen Start, der mich sehr enttäuschte. Wenn der Pegelstand der intellektuellen Debatte eines Landes sich in einer solchen Publikation widerspiegeln soll, so war ich auch enttäuscht über Deutschland und über unsere junge Generation, an deren vorderster Front der damals noch 40jährige Wolfram Weimer offenbar die Chance verschenkte, die politische Kultur im Land auf ein neues Niveau zu heben. Das habe ich ihm dann auch geschrieben und will meine Ansprüche an eine gehobene politische Diskussionskultur hier dokumentieren.
Berlin, 30. September 2004
Sehr geehrter Herr Dr. Weimer,
Ihnen gelingt es nun in der siebten Ausgabe, einer recht repräsentativen Vielfalt von politisch reflektierenden Autoren ein Forum der Perspektiven und des Austausches zu bereiten. Sie sind, mit der Zeit und der Weltwoche gesagt, der Gastgeber eines elitären politischen Salons.
Und wer würde da nicht gerne mitlesen?
Repräsentativ sind Ihre Autoren aber lediglich für die alte Elite – Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer den Spiegel, die FAZ, die Frankfurter Rundschau und die New York Times etwas verfolgt, dem wird kein neuer Kopf begegnen; ab und an allerdings ein bekannter Text. Vor allem aber kein neues Thema.
Und kaum ein originelles Titelthema. Diese regelmäßigen ciceronischen „Tabu“-Aufrührungen sind plumpe PR-Gags. Das haben Sie, so hoffe ich, auf mittlere Sicht nicht mehr nötig: der Walser raunt, der Westen klagt, dem Wehner wird gedacht. Und zwischendrin werden Wehe (von W.‘s own country) und Wehwehchen (von Deutschlands Stolzeleid) erwogen. Und nun, hach: Hitler selig. Mann o Mann!
Diese Titel berühren auch deshalb peinlich, weil sie im Morgenrock verkaterter alter Männer daher stolzieren. Drinnen duften dann die Hochglanzseiten nach Morgenkaffee an einem reich gedeckten Tisch. Eine lange Nacht ist ohne den Cicero überstanden worden, nun wird endlich gefrühstückt. Und gleich wird man etwas im Garten wandeln, die bösen Geister der Vergangenheit in Luftnummern auflösen und eine neu-alte bürgerliche Ästhetik des Spaziergangs mit ernsten Mienen und verschränkten Armen pflegen. Darf man da vermuten, dass es in der nächsten Ausgabe um den Niedergang der deutschen Nationalliteratur geht? Schiller und Goethe sind tot, darüber wären sich Biller und Grass aus entgegen gesetzten Gründen einig, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiss, würde dazu Senf reichen, und von Harold Bloom könnte man, verzeihen Sie bitte: mal einen alten Artikel zur Bildung eines nationalen Literaturkanons abdrucken.
Aber was stolzieren Sie da in Burda‘schen Gärten herum? Schlürfen Sekt auf Wöhrl‘schen Veranden? Sie haben doch wirkliche Schlachten zu schlagen! Ihre eigenen Kolumnen setzen ja die Themen: Internationalisierung, Fundamentalisierung, die Verblödung öffentlicher Kultur, die Zukunft der Freiheit. Auch Sie sind jung, auch bei Ihnen geht es um Ihre Lebenszeit!
Aber Herr General, wo sind Ihre Truppen?!
Wo sind Ihre jungen Offiziere, mit denen Sie Deutschland intellektuell erobern – weil der Cicero eine Vision hat, weil der Orator auch ein Stratege, der Cicero ein Clausewitz ist?
Und wo ist Ihr Weitblick? Werden Sie in 30 Jahren die politische Kultur so verändert haben wie dereinst der Spiegel? Wenn ja, mit welchem Schlachtplan? Wenn nein, warum nicht?!
Alte Schlachtenbummler wie Scharping & Steinkühler, Bölling & Blüm haben sicher noch einen schönen schenkelkrachenden Abend voll prächtiger Potzdeubels in der Offizierskantine vor sich. Und auch mit den üblichen verdächtigen Söldnern sonstiger Schreibstuben werden Sie wohl noch manches Scharmützel schaukeln.
Aber wo bleiben denn die jungen hungrigen politischen Autoren, die den Cicero brauchen und der Cicero sie, um in Deutschland und Europa bessere Zeiten einzuläuten?
Nicht in den Villen von Potsdam, Grunewald und Steglitz, sondern in den Straßen von Berlin, von München, Hamburg, Stuttgart, Dresden und Köln finden Sie Ihre Bataillone! An den Universitäten von Heidelberg und Harvard, von London und Leipzig, von Brüssel und Budapest sammelt sich eine junge Elite, die Deutschland lieben können möchte wie der Bundespräsident – aber deren Energie sich Schreibtische und Spielfelder dort sucht, wo sie frei sind.
Und das sind die Menschen, die gerne mehr wären als Leser Ihres Magazins: nämlich Teilhaber und Träger eines neuen politisch-kulturellen Projektes. Ein eigenes, unverwechselbares und überlebensfähiges Profil des Cicero erhalten Sie nur, wenn es Ihnen heute gelingt, Bannerträger einer Republik des Geistes von morgen zu werden. Setzen Sie das Boot heute auf die richtige Strömung, und Sie werden als Kapitän eines Flaggschiffes durch die kommenden Jahre segeln!
Die Restauration des Bestehenden aber ist, Herr Kapitän: dümpelnde, dümpfelnde Hafenarbeit. Und ich habe Verständnis, wenn Sie Ihren Kahn in seichten Gewässern mal Probe schwimmen lassen – aber das Bunte bekommt dem Cicero nicht. Auch der George ging einst baden wie die Teekisten der Boston Tea Party. Wir warten auf einen deutschen New Yorker, aber wir wissen auch, dass der funktioniert, weil er progressiv durch Subversion ist. Wir sehnen uns nach der journalistischen Ernsthaftigkeit des Prospect, nach der Intelligentsia des Commentary.
Sammeln Sie eine Armee junger Autoren, mit der sie neue Legionen an Leserschaft rekrutieren! Prägen Sie eine politische, eine kosmopolitische Bürgerlichkeit des 21. Jahrhunderts! Übernehmen Sie die Führung unserer jungen Generation, Dr. Weimer! Bilden Sie einen Ciceronischen Think Tank, ein dauerhaftes Symposium der jungen Schreiber! Geben Sie ihnen eine ganze Ausgabe! Noch besser: schicken Sie die jeden Monat neu in den Kampf!
Und wenn nicht – dann sehe ich die Berliner „Republik“ der geistigen Mitternacht entgegen ziehen. Nur oben in des Ciceronen Salon, da flickert, da plappert der Plauderton von Babylon. Und der Cicero wird heute schon zum Menetekel und zum Hohn einer Kulturnation – vor deren Morgen mir graut.
Bleibend um den Schlaf gebracht: gute Nacht!
Christopher Gohl