Eine Würdigung Friedrich Naumanns als einer der Gründervater der Politikwissenschaft
Der Politiker Friedrich Naumann entwarf sein Programm politischer Wissenschaft in den historischen Stunden eines scheiternden Deutschen Reiches und mit Blick auf eine zukünftige junge Demokratie. Ähnlich wie Tocqueville sorgt er sich um die Lebensfähigkeit der kommenden freiheitlich-demokratischen Ordnung und stellt sein Theorieprogramm unter den Anspruch, zu ihrer Herbeiführung und Stabilisierung beizutragen. Anstatt aber wie Tocqueville indirekt über die intellektuelle Athmosphäre wirken zu wollen, strebt Naumann die Direktausbildung der politisch Handelnden durch politisch Handelnde an. Im folgenden ist Naumann, einer der Gründerväter der deutschen Politikwissenschaft, unkommentiert und ausführlich zitiert, weil auf diese Weise seine zutiefst politischen Absichten und Hoffnungen eindrücklich werden.
Seine vier “Reden an junge Freunde” aus dem Frühjahr 1918, die drohende Niederlage des Weltkrieges schon in der Luft, beginnt er mit den Worten: “Ihr wollt von mir hören, ob die Politik lehrbar und lernbar ist, denn es ist euch eine dringende Angelegenheit, tätige deutsche Staatsbürger zu werden. Dabei bewegt Euch der Gedanke, ob wir nicht nach dem Kriege eine freie deutsche Hochschule für Politik gründen sollen, um künftig in der Politik weniger Fehler zu machen, als es bisher geschah. (…) Um sich darüber zu verständigen, ob und wie Politik lehrbar ist, muß man vorher einen gewissen gemeinsamen Begriff haben, was man als Politik ansieht” (Naumann, 1949 (erstmals 1918): 419f.).
Der “innerlichste” Kern des Politischen, von dem ausgehend Naumann die Aufgaben wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Politik entwickelt, ist der “Trieb zur Gestaltung menschlicher Gemeinschaft”, ein Sinn, “vieles einzelne zum lebendigen Arbeitskörper zu verbinden. (…) [A]lle Politik [besteht] in einer Kunst des Zusammenfassens von Menschen.” Dieser politische Trieb ist einzelnen Menschen in der politischen Anthropologie Naumanns als Begabung angeboren: “Politik ist eine Kunst (…). Kunst aber muß angeboren sein, wird nicht anerzogen, sondern durch Erziehung arbeitsfähig gemacht.” Darum “sind alle Kenntnisse nur Hilfsmittel und Werkzeuge, die nicht fehlen dürfen und deren Handhabung gelernt sein will, von denen allein aber keine schöpferische Kraft ausgeht. Politik ist nie ohne gelernte Bildung, aber sie selbst ist kein Wissen, sondern ein Können und Wollen, das weit tiefer in der menschlichen Natur begründet sein muß, als nur durch Unterrichtsstunden.” Darum ist auch Staatsbürgerkunde als Wissensvermittlung alleine nicht ausreichend (Naumann, 1949: 420ff.).
Als Forschungs- und Theorieprogramm entwirft Naumann einen Kanon, den die Ideengeschichte und die empirisch-anlytische Politikwissenschaft noch stets abarbeitet: “Um sie lehrhaft zu machen, muß man die Politik in ihren erhabenen und auch in ihren alltäglichen Teilen in ihre Begriffe und Einzelheiten zerlegen. Das bedeutet, daß man einzelne Leitgedanken der Führer und ihrer Gruppen untersucht und ihrer Entstehung und Fortentwicklung nachgeht, daß man Grundsätze und Programme vergleicht, frühere und spätere Zeitabschnitte auseinanderhält, Erfolge und Mißerfolge feststellt, die Arbeitsweisen der verschiedenen Perioden im wesentlichen erfaßt, den Geschäftsgang der bürokratischen und parlamentarischen Arbeiten darstellt, die Organisationsstatuten kennenlernt, die Entstehung einzelner Gesetze prüft, die Wahlen statistisch und praktisch beschreibt. - Aus vielen solchen Kleinarbeiten entsteht erst allmählich ein immer vollständigeres Bild der Vorgänge des öffentlichen Lebens.”
Von einer solchen empirisch-analytischen Wissenschaft erhofft sich Naumann, das Studium hätte praktische Auswirkungen auf den politisch Begabten: “Durch derartige Darlegungen wird die vorhandene politische Begabung geweckt und zur eigenen Mittätigkeit angeregt. Aus dem angeborenen, aber noch unklarem Drange werden unter den Einflüssen des Unterrichts dann eigene Ziele und erreichbare Absichten. (…) Die politische Schule bringt an die strebsame Seele das heran, was sie an innerer Ernährung braucht. Sie öffnet die Augen, macht die Augen hell, läßt aufmerken auf das, was in der politischen Welt vorgeht, schärft die Unterscheidungsgabe, warnt vor Unmöglichkeiten und stellt ein persönliches Verhältnis zur Geschichtsentwicklung her.” Am Ende soll der so Ausgebildte “große Gedanken in der Seele haben, aber auch eine feste Methode der Tagesarbeit in seinen Händen.” Und selbstverständlich gilt für die Lehrer einer solchen Schule, “daß [sie] selber eine lebendige politische Bewegung in sich tragen, denn wer nichts selber besitzt, der kann nichts geben. Mögen auch die Lehrer sonst Mängel und Lücken haben, so ist das eine notwendig, daß sie selber in der Politik leben und weben. (…) Sie müssen ihren Willen in ihren Unterricht hineingießen. Es ist ihr politischer Dienst, Lehrer, Erzieher zu sein. (…) Zu solchem Lehrerdienste sind die berufen, die aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten und Zweifel kennen, die selber Suchende waren und sind, denn nur Werdende helfen den Geistern derer, die werden wollen” (Naumann, 1949: 425ff.).
Im Fortgang seiner eindringlichen weiteren drei Reden an junge Freunde widmet sich Naumann beispielhaft der Kunst der politischen Rede unter Bezug auf klassische Tugenden, der Organisationskunde am Beispiel der Parteien und des Staates und der Gestaltung der Zukunft Deutschlands nach dem Kriege: “In euch sollen neue Ideen Gestalt gewinnen. Ihr sollt aus dem Nebel Wirklichkeiten zu entdecken stark und froh genug sein.” Und er bekennt sich zu einer freiheitlichen Grundgesinnung: “Freideutschland, freies Vaterland, Volksstaat!”, die “Lebensodem unserer Schule sein [wird]” (Naumann 1949: 442f.). Bereits im November 1918, inmitten der Revolutionswirren, eröffnete Naumann mit Unterstützung des Stuttgarter Industriellen Robert Bosch seine “Staatsbürgerschule” am Kronprinzenufer in Berlin. Nach seinem Tode im August 1919 und mit einem in der Inflation schwindenden Stiftungskapital ging sie in die Deutsche Hochschule für Politik über, die eine der Gründungsinstitutionen deutscher Politikwissenschaften ist und nach dem zweiten Weltkrieg in Gestalt des späteren Otto-Suhr-Institutes fortlebt (Pabst, 1983: 24; PW2, 37-42).
Das Beispiel Naumanns verdeutlicht, welchen Charakter einer politische Theoriebildung aus dem Geiste einer bestimmten Idee des Politischen hat: sie geht von einem axiomatischen Verständnis des Politischen aus, begreift sich in dessen Dienst und ist also bewußt normativ und gesinnungsschwanger, und sie ist voll auf politische Wirkung ausgerichtet. Hinter der Absicht verschwinden gar die Details einer wissenschaftlicher Arbeitsweise. Gleichwohl das Naumann’sche Theorieprogramm für die Politikwissenschaft an demokratischer Biederkeit wohl nicht zu überbieten ist, stehen dahinter große politische Ideale, denen man mit etwas Aufwand wohl Ideologie nachweisen kann. Ist es nicht naiv, dass Naumann glaubt, politische Bildung könne gesinnungsschwanger und analytisch zu gleich sein? Aber Naumann ein zuviel an Gesinnung vorzuwerfen: das darf nur der historisch Ahnungslose. Wenn man sich vor Augen hält, dass er allen eschatologischen und dämonologischen Konzeptionen des Politischen seiner Zeit widerstanden hat und in der Tradition der menschenmöglichen und menschenzuträglichen aristotetlischen Politologie steht, von der Dolf Sternberger sagte, sie sei die wahre und gute Politik - dann erst lässt sich die Größe seiner Hoffnungen ermessen, und neben ihr verblasst aller Naumann’sche Pathos (PT9, 49f.). Historisch betrachtet, hat sich Naumanns Hoffnung auf einen Beitrag politischer Lehre zur Demokratiefestigkeit jedenfalls erst nach einigen Irrungen und Wirrungen als visionär erwiesen.