Der parlamentarische Arm der Freiheit alleine packt es nicht

August 18, 2006

Zu lange haben wir Liberalen geglaubt, das Projekt von mehr Freiheit für mehr Menschen sei über den parlamentarischen Arm der FDP alleine zu stemmen. Zu viele „Vorfeldorganisationen“ haben ihre Aufgaben alleine darin gesehen, als Höflinge der Macht ihre Spezialagenden, mit Servilität garniert, in die Parteigremien und Parlamente zu schleusen. Aber mehr Freiheit für mehr Menschen kann weder gesetzlich verordnet noch durch Transferleistungen eingekauft werden – mehr noch als ein parlamentarisches oder wirtschaftliches Projekt ist es ein soziales und kulturelles, ein moralisches und ein wissenschaftliches Projekt. Zwar bleibt die parlamentarische Arbeit an den Rahmenregelungen der Freiheit wichtig. Aber ein Liberalismus, der sich an der Front medial vermittelter Partei- und Parlamentsarbeit in tagestaktisch portionierte ideologische Versatzstücke zerlegt, leistet keine Orientierung mehr für die Zeit, in der wir leben, für die Menschen, die wir sind, und für die Freiheit, die wir meinen.


Eine Würdigung Friedrich Naumanns als einer der Gründervater der Politikwissenschaft

August 18, 2006

Der Politiker Friedrich Naumann entwarf sein Programm politischer Wissenschaft in den historischen Stunden eines scheiternden Deutschen Reiches und mit Blick auf eine zukünftige junge Demokratie. Ähnlich wie Tocqueville sorgt er sich um die Lebensfähigkeit der kommenden freiheitlich-demokratischen Ordnung und stellt sein Theorieprogramm unter den Anspruch, zu ihrer Herbeiführung und Stabilisierung beizutragen. Anstatt aber wie Tocqueville indirekt über die intellektuelle Athmosphäre wirken zu wollen, strebt Naumann die Direktausbildung der politisch Handelnden durch politisch Handelnde an. Im folgenden ist Naumann, einer der Gründerväter der deutschen Politikwissenschaft, unkommentiert und ausführlich zitiert, weil auf diese Weise seine zutiefst politischen Absichten und Hoffnungen eindrücklich werden.

Seine vier “Reden an junge Freunde” aus dem Frühjahr 1918, die drohende Niederlage des Weltkrieges schon in der Luft, beginnt er mit den Worten: “Ihr wollt von mir hören, ob die Politik lehrbar und lernbar ist, denn es ist euch eine dringende Angelegenheit, tätige deutsche Staatsbürger zu werden. Dabei bewegt Euch der Gedanke, ob wir nicht nach dem Kriege eine freie deutsche Hochschule für Politik gründen sollen, um künftig in der Politik weniger Fehler zu machen, als es bisher geschah. (…) Um sich darüber zu verständigen, ob und wie Politik lehrbar ist, muß man vorher einen gewissen gemeinsamen Begriff haben, was man als Politik ansieht” (Naumann, 1949 (erstmals 1918): 419f.).

Der “innerlichste” Kern des Politischen, von dem ausgehend Naumann die Aufgaben wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Politik entwickelt, ist der “Trieb zur Gestaltung menschlicher Gemeinschaft”, ein Sinn, “vieles einzelne zum lebendigen Arbeitskörper zu verbinden. (…) [A]lle Politik [besteht] in einer Kunst des Zusammenfassens von Menschen.” Dieser politische Trieb ist einzelnen Menschen in der politischen Anthropologie Naumanns als Begabung angeboren: “Politik ist eine Kunst (…). Kunst aber muß angeboren sein, wird nicht anerzogen, sondern durch Erziehung arbeitsfähig gemacht.” Darum “sind alle Kenntnisse nur Hilfsmittel und Werkzeuge, die nicht fehlen dürfen und deren Handhabung gelernt sein will, von denen allein aber keine schöpferische Kraft ausgeht. Politik ist nie ohne gelernte Bildung, aber sie selbst ist kein Wissen, sondern ein Können und Wollen, das weit tiefer in der menschlichen Natur begründet sein muß, als nur durch Unterrichtsstunden.” Darum ist auch Staatsbürgerkunde als Wissensvermittlung alleine nicht ausreichend (Naumann, 1949: 420ff.).

Als Forschungs- und Theorieprogramm entwirft Naumann einen Kanon, den die Ideengeschichte und die empirisch-anlytische Politikwissenschaft noch stets abarbeitet: “Um sie lehrhaft zu machen, muß man die Politik in ihren erhabenen und auch in ihren alltäglichen Teilen in ihre Begriffe und Einzelheiten zerlegen. Das bedeutet, daß man einzelne Leitgedanken der Führer und ihrer Gruppen untersucht und ihrer Entstehung und Fortentwicklung nachgeht, daß man Grundsätze und Programme vergleicht, frühere und spätere Zeitabschnitte auseinanderhält, Erfolge und Mißerfolge feststellt, die Arbeitsweisen der verschiedenen Perioden im wesentlichen erfaßt, den Geschäftsgang der bürokratischen und parlamentarischen Arbeiten darstellt, die Organisationsstatuten kennenlernt, die Entstehung einzelner Gesetze prüft, die Wahlen statistisch und praktisch beschreibt. - Aus vielen solchen Kleinarbeiten entsteht erst allmählich ein immer vollständigeres Bild der Vorgänge des öffentlichen Lebens.”

Von einer solchen empirisch-analytischen Wissenschaft erhofft sich Naumann, das Studium hätte praktische Auswirkungen auf den politisch Begabten: “Durch derartige Darlegungen wird die vorhandene politische Begabung geweckt und zur eigenen Mittätigkeit angeregt. Aus dem angeborenen, aber noch unklarem Drange werden unter den Einflüssen des Unterrichts dann eigene Ziele und erreichbare Absichten. (…) Die politische Schule bringt an die strebsame Seele das heran, was sie an innerer Ernährung braucht. Sie öffnet die Augen, macht die Augen hell, läßt aufmerken auf das, was in der politischen Welt vorgeht, schärft die Unterscheidungsgabe, warnt vor Unmöglichkeiten und stellt ein persönliches Verhältnis zur Geschichtsentwicklung her.” Am Ende soll der so Ausgebildte “große Gedanken in der Seele haben, aber auch eine feste Methode der Tagesarbeit in seinen Händen.” Und selbstverständlich gilt für die Lehrer einer solchen Schule, “daß [sie] selber eine lebendige politische Bewegung in sich tragen, denn wer nichts selber besitzt, der kann nichts geben. Mögen auch die Lehrer sonst Mängel und Lücken haben, so ist das eine notwendig, daß sie selber in der Politik leben und weben. (…) Sie müssen ihren Willen in ihren Unterricht hineingießen. Es ist ihr politischer Dienst, Lehrer, Erzieher zu sein. (…) Zu solchem Lehrerdienste sind die berufen, die aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten und Zweifel kennen, die selber Suchende waren und sind, denn nur Werdende helfen den Geistern derer, die werden wollen” (Naumann, 1949: 425ff.).

Im Fortgang seiner eindringlichen weiteren drei Reden an junge Freunde widmet sich Naumann beispielhaft der Kunst der politischen Rede unter Bezug auf klassische Tugenden, der Organisationskunde am Beispiel der Parteien und des Staates und der Gestaltung der Zukunft Deutschlands nach dem Kriege: “In euch sollen neue Ideen Gestalt gewinnen. Ihr sollt aus dem Nebel Wirklichkeiten zu entdecken stark und froh genug sein.” Und er bekennt sich zu einer freiheitlichen Grundgesinnung: “Freideutschland, freies Vaterland, Volksstaat!”, die “Lebensodem unserer Schule sein [wird]” (Naumann 1949: 442f.). Bereits im November 1918, inmitten der Revolutionswirren, eröffnete Naumann mit Unterstützung des Stuttgarter Industriellen Robert Bosch seine “Staatsbürgerschule” am Kronprinzenufer in Berlin. Nach seinem Tode im August 1919 und mit einem in der Inflation schwindenden Stiftungskapital ging sie in die Deutsche Hochschule für Politik über, die eine der Gründungsinstitutionen deutscher Politikwissenschaften ist und nach dem zweiten Weltkrieg in Gestalt des späteren Otto-Suhr-Institutes fortlebt (Pabst, 1983: 24; PW2, 37-42).

Das Beispiel Naumanns verdeutlicht, welchen Charakter einer politische Theoriebildung aus dem Geiste einer bestimmten Idee des Politischen hat: sie geht von einem axiomatischen Verständnis des Politischen aus, begreift sich in dessen Dienst und ist also bewußt normativ und gesinnungsschwanger, und sie ist voll auf politische Wirkung ausgerichtet. Hinter der Absicht verschwinden gar die Details einer wissenschaftlicher Arbeitsweise. Gleichwohl das Naumann’sche Theorieprogramm für die Politikwissenschaft an demokratischer Biederkeit wohl nicht zu überbieten ist, stehen dahinter große politische Ideale, denen man mit etwas Aufwand wohl Ideologie nachweisen kann. Ist es nicht naiv, dass Naumann glaubt, politische Bildung könne gesinnungsschwanger und analytisch zu gleich sein? Aber Naumann ein zuviel an Gesinnung vorzuwerfen: das darf nur der historisch Ahnungslose. Wenn man sich vor Augen hält, dass er allen eschatologischen und dämonologischen Konzeptionen des Politischen seiner Zeit widerstanden hat und in der Tradition der menschenmöglichen und menschenzuträglichen aristotetlischen Politologie steht, von der Dolf Sternberger sagte, sie sei die wahre und gute Politik - dann erst lässt sich die Größe seiner Hoffnungen ermessen, und neben ihr verblasst aller Naumann’sche Pathos (PT9, 49f.). Historisch betrachtet, hat sich Naumanns Hoffnung auf einen Beitrag politischer Lehre zur Demokratiefestigkeit jedenfalls erst nach einigen Irrungen und Wirrungen als visionär erwiesen.


Geben Sie den Clausewitz, Sire! Eine frustrierte Polemik wider das Bunte Wöhrl‘scher Veranden im Magazin Cicero

August 18, 2006

Der Cicero war auch schon mal schlechter als die letzten Monate. Er hatte einen fürchterlichen Start, der mich sehr enttäuschte. Wenn der Pegelstand der intellektuellen Debatte eines Landes sich in einer solchen Publikation widerspiegeln soll, so war ich auch enttäuscht über Deutschland und über unsere junge Generation, an deren vorderster Front der damals noch 40jährige Wolfram Weimer offenbar die Chance verschenkte, die politische Kultur im Land auf ein neues Niveau zu heben. Das habe ich ihm dann auch geschrieben und will meine Ansprüche an eine gehobene politische Diskussionskultur hier dokumentieren.

Berlin, 30. September 2004

Sehr geehrter Herr Dr. Weimer,

Ihnen gelingt es nun in der siebten Ausgabe, einer recht repräsentativen Vielfalt von politisch reflektierenden Autoren ein Forum der Perspektiven und des Austausches zu bereiten. Sie sind, mit der Zeit und der Weltwoche gesagt, der Gastgeber eines elitären politischen Salons.

Und wer würde da nicht gerne mitlesen?

Repräsentativ sind Ihre Autoren aber lediglich für die alte Elite – Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer den Spiegel, die FAZ, die Frankfurter Rundschau und die New York Times etwas verfolgt, dem wird kein neuer Kopf begegnen; ab und an allerdings ein bekannter Text. Vor allem aber kein neues Thema.

Und kaum ein originelles Titelthema. Diese regelmäßigen ciceronischen „Tabu“-Aufrührungen sind plumpe PR-Gags. Das haben Sie, so hoffe ich, auf mittlere Sicht nicht mehr nötig: der Walser raunt, der Westen klagt, dem Wehner wird gedacht. Und zwischendrin werden Wehe (von W.‘s own country) und Wehwehchen (von Deutschlands Stolzeleid) erwogen. Und nun, hach: Hitler selig. Mann o Mann!

Diese Titel berühren auch deshalb peinlich, weil sie im Morgenrock verkaterter alter Männer daher stolzieren. Drinnen duften dann die Hochglanzseiten nach Morgenkaffee an einem reich gedeckten Tisch. Eine lange Nacht ist ohne den Cicero überstanden worden, nun wird endlich gefrühstückt. Und gleich wird man etwas im Garten wandeln, die bösen Geister der Vergangenheit in Luftnummern auflösen und eine neu-alte bürgerliche Ästhetik des Spaziergangs mit ernsten Mienen und verschränkten Armen pflegen. Darf man da vermuten, dass es in der nächsten Ausgabe um den Niedergang der deutschen Nationalliteratur geht? Schiller und Goethe sind tot, darüber wären sich Biller und Grass aus entgegen gesetzten Gründen einig, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiss, würde dazu Senf reichen, und von Harold Bloom könnte man, verzeihen Sie bitte: mal einen alten Artikel zur Bildung eines nationalen Literaturkanons abdrucken.

Aber was stolzieren Sie da in Burda‘schen Gärten herum? Schlürfen Sekt auf Wöhrl‘schen Veranden? Sie haben doch wirkliche Schlachten zu schlagen! Ihre eigenen Kolumnen setzen ja die Themen: Internationalisierung, Fundamentalisierung, die Verblödung öffentlicher Kultur, die Zukunft der Freiheit. Auch Sie sind jung, auch bei Ihnen geht es um Ihre Lebenszeit!

Aber Herr General, wo sind Ihre Truppen?!

Wo sind Ihre jungen Offiziere, mit denen Sie Deutschland intellektuell erobern – weil der Cicero eine Vision hat, weil der Orator auch ein Stratege, der Cicero ein Clausewitz ist?

Und wo ist Ihr Weitblick? Werden Sie in 30 Jahren die politische Kultur so verändert haben wie dereinst der Spiegel? Wenn ja, mit welchem Schlachtplan? Wenn nein, warum nicht?!

Alte Schlachtenbummler wie Scharping & Steinkühler, Bölling & Blüm haben sicher noch einen schönen schenkelkrachenden Abend voll prächtiger Potzdeubels in der Offizierskantine vor sich. Und auch mit den üblichen verdächtigen Söldnern sonstiger Schreibstuben werden Sie wohl noch manches Scharmützel schaukeln.

Aber wo bleiben denn die jungen hungrigen politischen Autoren, die den Cicero brauchen und der Cicero sie, um in Deutschland und Europa bessere Zeiten einzuläuten?

Nicht in den Villen von Potsdam, Grunewald und Steglitz, sondern in den Straßen von Berlin, von München, Hamburg, Stuttgart, Dresden und Köln finden Sie Ihre Bataillone! An den Universitäten von Heidelberg und Harvard, von London und Leipzig, von Brüssel und Budapest sammelt sich eine junge Elite, die Deutschland lieben können möchte wie der Bundespräsident – aber deren Energie sich Schreibtische und Spielfelder dort sucht, wo sie frei sind.

Und das sind die Menschen, die gerne mehr wären als Leser Ihres Magazins: nämlich Teilhaber und Träger eines neuen politisch-kulturellen Projektes. Ein eigenes, unverwechselbares und überlebensfähiges Profil des Cicero erhalten Sie nur, wenn es Ihnen heute gelingt, Bannerträger einer Republik des Geistes von morgen zu werden. Setzen Sie das Boot heute auf die richtige Strömung, und Sie werden als Kapitän eines Flaggschiffes durch die kommenden Jahre segeln!

Die Restauration des Bestehenden aber ist, Herr Kapitän: dümpelnde, dümpfelnde Hafenarbeit. Und ich habe Verständnis, wenn Sie Ihren Kahn in seichten Gewässern mal Probe schwimmen lassen – aber das Bunte bekommt dem Cicero nicht. Auch der George ging einst baden wie die Teekisten der Boston Tea Party. Wir warten auf einen deutschen New Yorker, aber wir wissen auch, dass der funktioniert, weil er progressiv durch Subversion ist. Wir sehnen uns nach der journalistischen Ernsthaftigkeit des Prospect, nach der Intelligentsia des Commentary.

Sammeln Sie eine Armee junger Autoren, mit der sie neue Legionen an Leserschaft rekrutieren! Prägen Sie eine politische, eine kosmopolitische Bürgerlichkeit des 21. Jahrhunderts! Übernehmen Sie die Führung unserer jungen Generation, Dr. Weimer! Bilden Sie einen Ciceronischen Think Tank, ein dauerhaftes Symposium der jungen Schreiber! Geben Sie ihnen eine ganze Ausgabe! Noch besser: schicken Sie die jeden Monat neu in den Kampf!

Und wenn nicht – dann sehe ich die Berliner „Republik“ der geistigen Mitternacht entgegen ziehen. Nur oben in des Ciceronen Salon, da flickert, da plappert der Plauderton von Babylon. Und der Cicero wird heute schon zum Menetekel und zum Hohn einer Kulturnation – vor deren Morgen mir graut.

Bleibend um den Schlaf gebracht: gute Nacht!

Christopher Gohl


Solidarität mit Israel ist Solidarität mit einem liberalen 21. Jahrhundert

August 14, 2006

Heilsgeschichtliche Politik wie die der Hizbollah opfert Menschen, weil sie den Konflikt der Gegenwart als Mittel zur Erreichung eines größeren Ziels sieht. Und sie dämonisiert ihre Gegner; es ist der Hizbollah völlig wurscht, ob Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen will (wollte?), und ob Israel eine Demokratie ist. Es geht dabei auch nicht um einen demokratischen Libanon und um Lebensperspektiven für Familienväter, sondern um den bewaffneten Kampf gegen das Reich des Bösen. Ohne Frage kann dieser ideologischen Überhöhung des Kampfes der Schwung genommen werden, wenn auf der Basis eines demokratischen Rechtsstaates Familienväter - und -mütter, und junge Männer und Frauen (!) ohne Familie erst recht - ihr eigenes Leben gestalten dürfen.

Aber darum geht der Hizbollah nicht und der Hamas nicht. Und ich fürchte, wir können diesen Kampf gegen die Heilsgeschichte nur gewinnen, wenn wir uns einen Schritt darauf einlassen und sagen: Ja, Ihr liebt den Tod und wir lieben das Leben. Und das Leben wird siegen, die Freiheit wird siegen, die Selbstbestimmung und Menschenwürde jedes Einzelnen wird siegen. Wir kämpfen für eine zivile Ordnung und für Menschen- und Bürgerrechte, besonders für Glaubens- und Gewissensfreiheit, und besonders gegen die Unterdrückung von Frauen. Und wir kämpfen auch gegen einen Ehrbegriff aus dem Mittelalter. Wir kämpfen für das 21. Jahrhundert.

Israel, der einzige demokratische Rechtsstaat in der Region (mit vielen zivilgesellschaftlichen Defiziten und Diskriminierungen in Bezug auf seine arabischen und drusischen Minderheiten, to be sure), kämpft diesen Kampf, übrigens auch und gerade in seinem Inneren, das durch den isrealisch-arabischen Konflikt, die Bedeutung religiöser Parteien als Zünglein an der Waage, und durch die Militarisierung der eigenen Politik durch die Bedrohung von außen aufgewühlt und voller Spannungen ist. Aber es ist einer beispielslosen Naivität zu verdanken, dass wir überhaupt diskutieren müssen, ob wir als freiheitliche Demokratien auf der Seite Israels, nicht auf der Seite von Terroristen stehen.

Israel wird diesen Kampf auch alleine nicht gewinnen können, weil militärische Strategien diesen Kampf nicht gewinnen können. Ich glaube auch, dass der Libanon nach der Entwaffnung und Zerschlagung der organisatorischen Strukturen der Hizbollah nur unter dem Schutz einer internationalen Truppe die Stabilität erhält, welche bürgergesellschaftliche Entwicklungen überhaupt möglich macht.

Und das wäre eine lohnende Aufgabe für Liberale: Faktoren zu identifizieren, derer es zur Entstehung einer lebendigen rechtsstaatlichen Demokratie als Lebensform bedarf - im Libanon, in den noch besetzten Gebieten, in diesem armseligen und geschundenen Streifchen Land Gaza, in Syrien, im Irak und Iran, Ägypten und Jordanien, Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan und so weiter und so fort. Davon könnten alle Länder profitieren - Deutschland, die USA und Israel mit eingeschlossen; auch wir leben nicht in der besten aller Welten, wir leben noch nicht in liberalen Bürgergesellschaften.


14 Thesen für einen neuen Liberalismus

August 14, 2006

1. Der Liberalismus ist eine praktische politische Philosophie der Freiheit. Sein Ziel ist es, die Praxis der Selbstbestimmung und Selbstorganisation einer liberalen Bürgergesellschaft zu verfassen. Der Liberalismus ist keine Lehre, noch weniger eine Ideologie, sondern der fortgesetzte und praktische Versuch, der Zeit, in der wir leben, mehr Freiheit für die Menschen abzugewinnen, die wir sind. Seine Grundfrage lautet: Was ist zu tun, um mehr Freiheit für mehr Menschen zu realisieren?

2. Im Ausgang des Liberalismus als praktischer politischer Philosophie steht der einzelne Mensch in seiner Würde. Der Mensch gewinnt seine Würde aus der Unhintergehbarkeit seines individuellen wie kollektiven Mensch-Seins – aus dem Geheimnis und Rätsel eines Lebens, das sich erst in der freiheitlichen Gestaltung des eigenen Lebens enthüllt.

3. Wir glauben daran, dass jeder Mensch zur Freiheit, das heißt: zur Selbstbestimmung fähig ist, und dass alle Politik in Demut ihren Ausgang wie ihren Endpunkt in dieser Selbstbestimmung zu nehmen hat. Alle Politik muss sich daran messen lassen, was sie zur Selbstbestimmung des Einzelnen beiträgt.

4. Jeder Mensch hat das Recht darauf, den ihm gemäßen Lebensentwurf zu leben und die Bindungen einzugehen, die seinem Wirken in der Welt entsprechen. Wir vertrauen auf die Kraft und Vernunft des Einzelnen, im Entwurf des eigenen Lebens tätig an der Welt teilzunehmen.

5. Wir wissen aber auch, dass die tätige Gestaltung des eigenen Lebens und der Welt voraussetzungsreich ist. Wir sehen in der Idee der „Lebenskunst“ eine Tradition freiheitlichen Denkens, die sich seit der Antike darum bemüht, die Kunst der Selbstbestimmung als Kunst der privaten praktischen Philosophie zu lehren.

6. Wo der Mensch die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Welt im Zusammenwirken mit anderen angeht, wird aus der Freiheit der individuellen Selbstbestimmung die Freiheit der kollektiven Selbstorganisation. In Selbstbestimmung vollendet sich der Mensch, in Selbstorganisation begründet er Gemeinschaft, Gesellschaft, Staat und Politik.

7. Wo der Mensch seine Beziehungen mit anderen Menschen eingeht und gestaltet, wird er zum Bürger. Aber Bürger fallen nicht vom Himmel. Der Liberalismus als praktische politische Philosophie ist die anspruchsvolle Kunst der kollektiven Selbstbestimmung durch die Selbstorganisation der Bürgergesellschaft.

8. Liberalismus schreibt die Tradition der Bürgergesellschaft als demokratisch verfasste Praxis der Freiheit der Gleichen fort. Die liberale Bürgergesellschaft ist zugleich ein politisches wie ein kulturelles, ein soziales, ein wirtschaftliches, gesellschaftliches und historisches Projekt mit über 2000 Jahren Tradition. Sie ist für den Liberalismus als praktische Philosophie der Freiheit sowohl Fundus des eigenen Denkens wie Fokus des eigenen Handelns.

9. Wer Freiheit nur materiell, nicht auch geistig, nur quantitativ, nicht auch qualitativ, nur im Singular, nicht auch im Plural begreift, schadet der Freiheit. Wer die vier Ordnungen der Freiheit: Rechtstaat, Marktwirtschaft, Demokratie und als Klammer der drei anderen die Ordnung der Bürgergesellschaft auf nur eine, zwei oder drei dieser Ordnungen reduziert, reduziert die Idee und das Projekt der Freiheit.

10. Wer glaubt, dass die Idee und das Projekt der Freiheit sich über den parlamentarischen Arm einer staatstragenden Partei ausreichend verwirklichen lässt, schwächt Herz und Hirn dieses Projektes. Wer Freiheit nur als statischen Freiheitsraum, nicht auch als dynamische Befreiung begreift, wer die Praxis der Freiheit unabhängig von der historischen Situation gestaltet, wer die Exegese der Schriften toter Männer vor das Wagnis des eigenen Denkens stellt, beschneidet die Freiheit.

11. Wir wissen, dass wir mit der Bürgergesellschaft als Praxis der Freiheit Verantwortung für eine Form menschlicher Zivilisation übernehmen, die stets gefährdet und nie ganz gewonnen ist. Aber wir glauben daran, dass die liberale Bürgergesellschaft von morgen eine bessere und gerechtere Gesellschaft ist als die Gemeinschaft der Angst und der Unsicherheit von heute.

12. Wir stellen uns den ökologischen, sozialen, ökonomischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit in dem Wissen, dass nur eine Praxis der Selbstbestimmung und Selbstorganisation in der Lage sein wird, den gesamten Reichtum an Ideen und Initiativen, an Aktivitäten und Aktionen, an Wissen und Werten in unserer Gesellschaft für die Bewältigung dieser Herausforderungen fruchtbar zu machen.

13. Der Liberalismus liebt das Leben in seiner Vielfalt, seiner Unerschöpflichkeit und seinen Überraschungen. Wir wählen das Leben vor dem Tod, die Bejahung vor der Verneinung, den Optimismus vor dem Pessimismus, die Gestaltung vor der Beharrung, die Sinnenfreude vor der Askese, die Großzügigkeit vor der Angst. In jeder Herausforderung sehen wir noch eine Chance für die Menschen, noch eine Aufgabe für die Liberalen.

14. In diesem Geist gestalten Freie Demokraten freie Demokratien, freie Staaten, freie Märkte und freie Gesellschaften. Erfüllt von Stolz auf unsere Tradition und in Demut vor der Würde des Einzelnen und vor der Vielfalt des Lebens, übernehmen wir mit der politischen auch die geistige, moralische und kulturelle Führung unserer Gesellschaften.